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Date of Publishing:
November 8, 2021

2021 © Anderwald+ Grond

KOPFLOS

Marcus Steinweg
German only

„Ich schreibe nicht, sondern der Text schreibt“, konstatiert Heiner Müller, nicht ohne hinzuzufügen: „Ich weiß, daß diese Erklärung nach Mystik riecht. Aber es ist so.“ An anderer Stelle wiederholt er sein Diktum, der Text sei klüger als der Autor. Jedenfalls ist der Autor nicht seine Textproduktion kontrollierender Agent, oder er ist es an der Feststellung entlang, dass Theater kontrollierter Wahnsinn und danalog dazu Schreiben dasselbe sei: halb bewusste halb unbewusste Dynamik, die das Schreibsubjekt subjektiviert wie objektiviert, aktiviert und passiviert. Immer wieder hebt Müller die Kontingenzen der blindgesteuerten Schreibbewegung hervor. Es geht weder um Information noch um Wissensvermittlung. Dass der Text schreibt, heißt, dass in ihn Zufälligkeiten eingehen, Insignifikanzen, beiläufig Aufgeschnapptes, stumpfes Material. Hier Müllers Nähe zur bildenden Kunst. Man denke an Francis Bacons Insistenz auf Zufallsintegration im Malakt, das Zu- und Geschehenlassen von Ausrutschern und Flecken. Kunst und Schreiben implizieren Kontingenzbejahung. Nur blind sei Erfahrung möglich, sagt Müller, indem man also die Hand vom Geländer nimmt, wie Hannah Arendt es fürs Denken reklamiert. So gesehen gibt es kein Schreiben, das nicht die Affirmation einer gewissen Kopflosigkeit einschlösse, von Proflexion oder Überstürzung. Es handelt sich um eine Ökonomie des Wahnsinns, um exakte Hals-über-Kopf-Dynamik, präzisen Kontrollverlust. Bedingung der Möglichkeit von Neuem, in der Kunst, im Schreiben, im Denken ist die Bereitschaft, zumindest momentweise den Kopf zu verlieren.

Footnotes
Literature